„Die hohe Todesrate beatmeter COVID-19-Patienten beweist, dass die Beatmung sie getötet hat“
Schwerer erkrankte Menschen erhalten häufiger intensive Unterstützung. Deshalb ist ihre Sterblichkeit nicht ohne Weiteres mit der weniger schwer Erkrankter vergleichbar. Beatmung hat Risiken und Behandlungsentscheidungen sind überprüfbar; eine hohe Todesrate allein beweist jedoch weder einen verursachten Tod noch die Fehlerfreiheit der Behandlung.
01Das kannst du sagen
DEINE WORTE. DEIN STIL.Eine hohe Sterblichkeit unter Beatmeten beweist für sich keine Schädigung durch die Beatmung. Diese Gruppe ist oft bereits schwerer krank. Behandlungsschäden sind möglich und prüfbar; für ihre Bewertung braucht es mehr als einen unbereinigten Vergleich.
02Wie die Aussage funktioniert
Tippe auf die markierten Formulierungen. Ein sprachliches Muster allein sagt noch nichts über die Absicht einer Person.
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03Was sagen die Fakten?
Ungleiche Ausgangslage der Gruppen
Karagiannidis und Kollegen werteten 2020 über zehntausend Krankenhausfälle in Deutschland aus. Patienten mit und ohne Beatmung unterschieden sich unter anderem hinsichtlich Vorerkrankungen und weiterer Behandlungen. Die Studie beschreibt Sterblichkeit und Versorgungsbedarf einer frühen Pandemiephase. Sie ist kein Experiment, in dem gleich schwer Erkrankte zufällig unterschiedliche Unterstützung erhielten. Deshalb kann ihre beobachtete Differenz allein nicht zeigen, was bei denselben Patienten ohne Beatmung passiert wäre. Das ist eine Grenze des Schlusses, keine Leugnung der Todesfälle.
Laufende Behandlungen verändern den Nenner
Eine frühe New Yorker Fallserie wurde mit der Angabe verbreitet, nahezu alle Beatmeten seien gestorben. In der damaligen Auswertung befanden sich jedoch viele beatmete Patienten am Stichtag noch im Krankenhaus. Eine Quote nur unter bereits Verstorbenen und Entlassenen ist nicht die abgeschlossene Sterblichkeit aller Behandelten. Ebenso darf der bis dahin bekannte Anteil Verstorbener an allen Behandelten nicht als endgültiger Endwert ausgegeben werden. Der veröffentlichte Datensatz wurde in dieser Hinsicht ausdrücklich klargestellt.
Kritik muss die konkrete Frage treffen
Eine angemessene Prüfung kann nach Zeitpunkt, Indikation, Verfahren und möglichen Komplikationen einer Behandlung fragen. Die hier verwendeten Beobachtungsdaten bescheinigen nicht jeder einzelnen Entscheidung Richtigkeit. Sie erlauben aber auch keinen pauschalen Schuldnachweis aus einer Sterbequote. Eine hohe Mortalität ist ein wichtiger Anlass für klinische Forschung und Aufarbeitung. Für eine kausale Bewertung sind vergleichbare Ausgangsbedingungen, vollständig beschriebene Verläufe und ein geeignetes Studiendesign entscheidend. Historische Zahlen sollten außerdem nicht als persönliche Prognose für heutige Patienten ausgegeben werden.
30-SEKUNDEN-WISSEN
Das bleibt hängen.
- Behandelte und unbehandelte Gruppen können schon vor der Therapie unterschiedlich schwer krank sein.
- Noch laufende Behandlungen dürfen bei einer Sterberate nicht unbemerkt aus dem Nenner verschwinden.
- Eine hohe Sterblichkeit begründet Prüfung, beweist aber weder Behandlungsschaden noch Fehlerfreiheit.
04„Ja, aber …“
Wenn das Gespräch hier weitergeht.
„Du willst also Behandlungsfehler ausschließen.“+
Nein. Fehler und Therapierisiken müssen untersucht werden. Ich widerspreche nur dem Schluss, dass eine hohe Quote sie schon beweist. Dafür braucht es konkrete klinische Informationen und einen Vergleich, der die Erkrankungsschwere berücksichtigt.
„Ohne Beatmung wäre wenigstens niemand daran gestorben.“+
Das setzt bereits voraus, was bewiesen werden soll. Entscheidend wäre, wie dieselben schwer Erkrankten ohne die Unterstützung abgeschnitten hätten. Diese nicht direkt beobachtete Alternative lässt sich aus der Sterblichkeit der behandelten Gruppe allein nicht ablesen.
05Prüf es selbst.
Die Bewertung gilt für diese konkrete Formulierung. Sie ersetzt keine Beurteilung ähnlicher Aussagen oder einzelner Personen.
- 01Karagiannidis et al., The Lancet Respiratory Medicine
Case characteristics, resource use, and outcomes of 10 021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study
Historische Beobachtungsstudie zu klinischen Verläufen und Beatmung; kein randomisierter Kausalvergleich von Beatmung gegen Nichtbeatmung.
Veröffentlicht: 28.7.2020 · Abgerufen: 8.10.2026 - 02Richardson et al., JAMA
Presenting Characteristics, Comorbidities, and Outcomes Among 5700 Patients Hospitalized With COVID-19 in the New York City Area
Frühe Krankenhausfallserie mit zahlreichen am Stichtag noch laufenden Behandlungen; Prozentwerte benötigen den richtigen Nenner.
Veröffentlicht: Ohne eindeutig ausgewiesenes Tagesdatum · Abgerufen: 8.10.2026
Warum diese Aussage? Verbreitung & Kontext +
CORRECTIV dokumentierte 2020 irreführende Angaben zu einer angeblichen Sterberate von 88 Prozent aller beatmeten Patienten. Die zugrunde liegende Auswertung enthielt zahlreiche noch laufende Behandlungen.
- Coronavirus: Blog verbreitet irreführende Behauptungen über die angebliche Heilkraft von Chlordioxid CORRECTIV.Faktencheck · 18.6.2020
Die Belege dokumentieren konkrete Beispiele. Sie sind keine repräsentative Messung der heutigen Verbreitung. Die sachliche Bewertung steht mit ihren Belegen oben.
Quellen werden erst beim Anklicken extern geöffnet. Veröffentlichungen können sich ändern. Redaktioneller Prüfstand: 8.10.2026.